Paradiese

Paradiese - Vortrag in Wien am 26.4. und 1.5.2014 zu den Vernissagen in der Zuckerlfabrik und im Bebop




para: neben, darüber hinaus

diese: pronomen, Fürwort


Paradies: griechisch: Paradeisos > Park,  Tiergarten > österr. Paradeiser (Tomate)








Nur das Leben kann einem ein ganzes Leben lang gefallen.Francis Picabia



Wer bei Amazon in der Rubrik Bücher den Suchbegriff Paradieseingibt, erhält 8.436 Ergebnisse, Stand 13. Februar 2014! Wer den Begriff bei Google eingibt, dem springt eine Bilderflut komponiert  aus weißem Sandstrand, blauem Himmel, türkisfarbenem Meer und ins Bild ragenden Palmen entgegen, nur selten unterbrochen von einigen markanten Kunstwerken und Filmstills. Ich nehme folgendes vorweg: für mich ist das Paradies immer woanders! In Differenzierung meines Leitsatzes: Alles ist immer anders!


Meine Generation erfuhr ihr erstes Wissen über das Paradies aus dem Religionsunterricht, was uns als Kindern gar nicht so ungelegen kam, denn Adam und Eva im Paradies wurden in der Bilderwelt der Kunst immer nackt dargestellt, lediglich ein Feigenblatt verdeckte meist die wichtigsten Objekte unseres Wissensdurstes. Somit war das Paradies zunächst ein Ort, an dem sich in unserer Fantasie unausgesprochene Dinge abspielen konnten, ein Ort von grenzenloser Freiheit, bar jeden Zwanges und bar jeder Verantwortung! Was konnte es schöneres geben in einer Zeit in der das Wort Pflicht größer geschrieben wurde als alles andere. 


In der Erinnerung könnte ich heute beispielsweise die Zeit meines Studiums von 1966 bis 1973 als eine paradiesische Lebensspanne verklären, weil wir uns eine eigene Welt gestaltet hatten, in der die alten Zwänge abgeschafft waren, die Lust einen wesentlichen Platz hatte und obendrein noch der Erfolg bei der Arbeit unser Selbstbewusstsein enorm steigerte. Dass das alles eine permanent neu auszusteuernde Gratwanderung zwischen Absturz und Höhenflug war, haben wir heute erfolgreich verdrängt. Statt dessen verklären wir immer noch jene Nächte, die früh anfingen, spät endeten und wir rastlos nach Nachschub suchten. Und überhaupt das Verklären: es gehört zu den schönsten menschlichen Fähigkeiten, Dinge, Erlebnisse, Ansichten und Erkenntnisse auf ein Niveau zu heben, zu dem wir aufschauen können, weil das die Kränkung unserer immerwährenden Unzulänglichkeit etwas abmindern kann. 


Dass jeder sein Paradies anders erlebt und ersehnt, hat der Schriftsteller Wladimir Kaminer in folgendem Text  (Jede Hölle ist jemandes Paradies) wunderbar beschrieben: Ein Schriftsteller hat es einmal zur Sprache gebracht, dass es einem Menschen, der auf eine Erlösung und Vergebung wartet, sehr weh tut, am Ende seiner Tage zu erfahren, dass sein irdisches Leben gerade eben die Erlösung war und er sich die ganze Zeit eigentlich im Paradies befand. Außerdem haben Menschen recht unterschiedliche Vorstellungen vom paradiesischem Leben, was dem einen himmlisch vorkommt ist oft des anderen Hölle. Es gibt ein Paradies für die Großstädter und ein anderes für Menschen vom Land, ein kommunistisches und ein kapitalistisches Paradies, ein Schwules und ein Heterosexuelles, eins mit Schnäpsen und eins mit Bieren. Es gibt abertausende Paradiese auf Erden. Die Indianer zum Beispiel hatten ein Paradies, in dem jeder mindestens zehn Pferde besaß, die Moslems haben im Paradies angeblich 72 Jungfrauen für jeden. Beides, Pferde sowie Jungfrauen, sind eine ungeheure Zumutung für einen Mitteleuropäer, so viel Verantwortung! Der Gerechtigkeit halber muss dazu gesagt werden, dass bei den Indianern nur zwei Sorten von Menschen ins Paradies durften, die vom Blitz getroffenen und die auf See untergegangenen, es war grundsätzlich ein unterbevölkertes Paradies mit mehr Pferden als Menschen. Das Christentum erspart sich eine genaue Beschreibung des Paradieses, es wird nur angedeutet, das am Ende aller Tage etwas ganz Tolles auf einen wartet, es ist ein Überraschungsparadies.

Soweit Wladimir Kaminer. 


Dass ich mich in einer Reihe meiner Bilder mit dem Paradies beschäftige, hat mehrere Gründe, unter anderem den, dass heute Glück und Paradies fast als Synonyme gebraucht werden. Das Paradies, der Garten Eden, steht für eine fruchtbare Landschaft am Rand der sumerischen Steppe Eden, dort herrschte kein Mangel an Nahrungsmitteln, war also das, was Menschen, die mit dem Mangel leben müssen, sich als Glück vorstellten. Doch mit den Lebensumständen ändern sich auch die Glücksvorstellungen, die Bedürfnisse und Wünsche. Heutzutage scheinen für den Großteil der Menschen, die in der westlichen Zivilisation leben, die meisten Bedürfnisse erfüllt, sie hungern nicht, können relativ gesund leben, haben ausreichend Wohnraum und haben Bildungszugang. Und doch gab es noch nie so viel Literatur über das Thema Glück, niemals wurde mehr darüber geredet und nachgedacht, wie das eigene Paradies zu erreichen sei. 


Es gibt über die Vorstellung von paradiesischen Zuständen so eine Art archetypische Projektion von heiler Natur, die sich bei vielen Menschen als so etwas wie ein Südseeidyll manifestiert hat. Ich persönlich kann und konnte das bis heute nicht nachvollziehen, da ich selbst zum Thema Paradies und Glück andere Zielvorstellungen in mir trage. Mir geht es ähnlich wie dem Münchner im Himmel, der keine Lust hat, den ganzen Tag LUJA zu singen. Nichts wäre grauslicher als sich mit 72 Jungfrauen rumzuschlagen, den ganzen Tag Apfel zu essen, am Strand herum zu liegen und dem gemeinsamen Spiel von Antilopen und Löwen zuzusehen. Eine solche erzwungene Harmonie würde ich als unerträglich erleben, weil sie die wesentlichen Elemente des Werdens und Vergehens ausblendet. Auch das so genannte Ewige Leben gehört in diese Kategorie des Unerträglichen, weil für uns Menschen nicht aushaltbar.


Andererseits: Wir leben unter Erfolgszwang.Sagt der bekannte Soziologe Gerhard Schulze. Wehe uns, wenn uns das Projekt des schönen Lebens misslingt - Wozu sind wir sonst auf der Welt?Jeder muss sich im Zuge der Selbstgestaltung heute immer wieder selbst neu erschaffen. Deshalb ist die letzte noch mögliche Sünde die Langeweile,sagt Schulze weiter. 


Meine Realität ist anders. Langeweile kann wunderbar sein, weil sie dazu anregt, sie zu überwinden, Zusammenhänge aufzudröseln und Unsichtbares zu erkennen. Also, was passiert wenn ich mich beispielsweise mit dem Thema Paradies auseinandersetze? Das Gleiche wie immer, ich verfolge einen Gedanken, eine Empfindung in mir und finde Bilder, die sich entwickeln, auf der Leinwand oder digital entstehen. was bei mir bekanntlich immer zu sehr unterschiedlichen Resultaten führt, weil ich die Masche hasse, die Masche, mit der so vieles gestrickt ist und mit der so viele Künstler zu Maschenkünstlern werden. Weil eigentlich nur das Neue immer etwas paradiesisches hat, weil es mir Spaß macht, Neues zu finden, Neues zusammen zu bauen. Alles ist immer vorhanden, aber alles muss immer neu zusammengefügt werden, um unseren Wunsch nach kreativen Ergebnissen zu befriedigen. 


Zufriedenheit mit einem solchen Prozess stellt sich für mich nur dann ein, wenn mein ästhetisches Empfinden mit der gefühlten Absicht in Deckung kommt. Das passt dann manchmal wenig ins zeitgemäße Kunstempfinden. Neulich hat mir ein alter Bekannter, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen habe, über meine Bilder gesagt, dass er keinen Wiedererkennungswert finde, sie seien so unterschiedlich! Das empfinde als das größte Lob, denn ich will ja eigentlich jede Arbeit NEU angehen, als hätte ich vorher noch nicht gemalt! Und ich vergesse bewusst, was ich vorher getan habe, weil das Paradies immer nur wieder neu entstehen kann, weil das Glück für mich in eben jenem Neuen steckt!


Also das ist für mich ein bisschen Paradies, und was noch?  Ein Aphorismus von Francis Picabia kommt dem am nächsten. Glück, sagt Picabia, ist für mich, keine Befehle zu erteilen und keine zu bekommen.So einfach ist das, damit habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. Allerdings braucht es hierfür Voraussetzungen, vor allem der Art, dass man in der Lage ist, die Dinge selbst regeln zu können und dazu das nötige Knowhow besitzt!


Und noch etwas. "Heute ist das Paradies eher ein Ort, an dem es keine Affektkontrolle gibt,sagt der Künstler und Fotograf Thomas Weinberger und zeigt Bilder unserer Städte und Alltagswelten, die von einer teilweise völlig umgedrehten Strahlkraft leben. Dieses Changieren vom Bildpositiv ins Bildnegativ schafft eine ungeheure Freiheit, die die Dinge gleichsam zum Schweben bringt. Das zeigt, Paradiese sind Orte oder besser Zustände der Fantasie, an denen in unserer Vorstellung alles möglich ist. 


"Die Hoffnung, bereits auf Erden himmlische Ziele, wenn auch nicht in ihrer ganzen Fülle, so doch in großen Teilen erreichen zu können, war von Beginn an gewagt, oder treffender, irreal. Doch die Menschen auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn gingen dieses Risiko ein und unternahmen alles, um ihre Hoffnung Wirklichkeit werden zu lassen". Das schreibt Meinhard Miegel in seinem klugen Buch Hybris -Die überforderte Gesellschaft. "Der Einzelne, assistiert von wohlmeinenden Organisationen, definiert seine Ansprüche, und die Gemeinschaft sorgt für deren Erfüllung." Wer also glaubt, das Paradies durch die Ausbeutung anderer oder tonnenweisen Kerosinverbrauch für den Flug in die Palmenidylle erreichen zu können, hat alles menschliche Maß verloren, er ist irrsinnig, genauso wie die Baumeister des Burj Khalifa, dem jetzt höchsten Gebäude(800m) der Welt in Dubai, was für mich als studierten Architekten die absolute Hybris bedeutet. Babel ist dagegen ein Kindergarten!


Wenn Sie meine Bilder betrachten, wünsche ich ihnen, dass Sie sich die Zeit nehmen können, ganz genau hinzuschauen. Achten Sie bitte auch auf die Bildtitel, die mir sehr wichtig sind, weil ich immer dem Wort und dem Bild gleichermaßen verpflichtet bin. Stören Sie sich nicht daran, dass manche Bildtitel in Deutsch und manche in Englisch verfasst sind. Der Grund ist simpel, denn die Empfindungen äußern sich spontan unterschiedlich. Mein abschließender Wunsch: lassen sich von einer sehr vielfältigen Sicht auf das Thema Paradies faszinieren, erleben Sinn und Unsinn von para und diese! Denn im Grunde sind wir alle ein bisschen daneben!



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