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Die Welt ist kontingent - alles kann immer auch anders sein.

Bilder – in welcher Form auch immer – sind mein Grundbedürfnis von Kindheit an – sowohl das Sehen der Bilder wie das Erschaffen derselben. Beim Wie wird es komplizierter: denn der Prozess des Malens enthält so ziemlich alle Paradoxien, die möglich sind. Ich habe eine Idee und plane ein Bild. Ich habe keine Idee und male ein Bild. Ich sehe etwas vor meinem inneren Auge, komme nicht mehr davon los und muss es malen. Ich weiß manchmal sofort, wie es werden muss. Ich weiß manchmal überhaupt nicht, wie es werden muss. 


Suizid

Das Wesentliche aber ist: es geschieht. Geht man nach den modernen Neurobiologen und Hirnforschern, scheint die Freiheit unserer Entscheidungen eingeschränkt zu sein. Doch das kümmert mich nicht, wenn ich entscheiden muss, welches Gelb ich an einer bestimmten Stelle einsetzen soll. Ich treffe Entscheidungen, die oft ein fulminanter Mix aus Spontaneität, Planung, Impulsivität und Berechenbarkeit sind. Oft hasse ich mich dafür und noch öfter liebe ich mich dafür. In diesem Sinne ist Malen für mich nicht etwas – wie oft dargestellt – Entspannendes, sondern etwas Kämpferisches, das aber auch immer sehr stark in der Nähe von Don Quichote und seinen Windmühlen angesiedelt ist. Natürlich gehört das alles auch in einen kunstgeschichtlichen Kontext, denn ohne das Wissen um das, was andere schon geschaffen haben, kann keine fruchtbare Entwicklung geschehen. 


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Das Wie des Malens hat natürlich auch sehr stark mit den persönlichen Vorlieben zu tun: mit einer Kunst, die sich, wie beispielsweise Giorgio Morandi, immer den gleichen Sujets widmet, kann ich nichts anfangen. Diese Art Wiederholungen sind mir zutiefst zuwider. Die Vielfalt des Lebens ist so enorm, dass Schubladen und Stile ihr nie gerecht werden können. Deshalb ist jedes Bild für mich ein absoluter Neubeginn, eine Art Neustart des Betriebssystems, das dabei wieder ein paar alte Daten verloren, aber jede Menge neue dazu gewonnen hat. Welche Langeweile herrscht teilweise in der Kunst, weil so viele Begabte immer wieder das Gleiche variieren. Freilich, der marketingorientierte Kunstmarkt hat so was gerne, weil Wiedererkennbarkeit DAS Markenzeichen par Excellence ist. Allerdings gelingt es sehr selten, die persönlichen Eigenheiten im Kontext des eigenen Schaffens zu vermeiden. Die Handschrift, die sich natürlich sehr stark im Handwerklichen manifestiert, ist aus meiner Sicht Segen und Fluch zugleich. Eine starke Identität vereinfacht die Marktakzeptanz, verhindert aber das Wildern in den vielen Ebenen von Formen und Bewusstsein.


Ähnliches gilt für die Bildinhalte, für das, „was es darstellt“. Alfred Hrdlcka hat mal gesagt, dass sich Form und Inhalt gegenseitig steigern. Denn genau das ist es, was passiert, wenn man das Malen geschehen lässt. Ich male einen grauen Wolkenkratzer von Rem Kolhaas und einen Eurofighter und plötzlich geht es mir auf, wie ich die Ungeheuerlichkeit, die ich darstellen will, mit durchbrochenen Farbverläufen in bestimmten Farbtönen überziehen muss. Und da sind wir bei einem wesentlichen Aspekt meiner Malerei: ich will zeigen, dass die von vielen Menschen immer wieder gewünschte oder geforderte Eindeutigkeit nicht existiert. Alles ist immer von irgendetwas anderem überlagert. Alles kann immer wieder auch anders sein. Das Projekt der Moderne, das seine höchste Blüte in der Kunst der Bauhäusler erlebte, war ausgerichtet auf Eindeutigkeit, auf Orientierung, auf Klarheit. Die Auflösung der Welt in die Grundfarben Rot, Blau und Gelb und die Formen Kreis, Quadrat und Dreieck war ein idealistischer Wahrnehmungsansatz. Diese Pixel des Bauhauses sind heute so in sich geschrumpft, dass sogar die daraus entstandenen Großformen wieder ein weißes Rauschen entstehen lassen. Unter solchen Aspekten will ich mein Erleben der Welt formulieren in der Hoffnung, gelegentlich etwas sichtbar machen zu können, das unsere Sinne schärft oder ganz einfach nur Spaß macht! Nichts wäre schlimmer für mich als dieser dogmatische, strenge Ernst, mit dem manche Künstler ihre Arbeit umgeben. 


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Ich habe mich mit Transformationen des Erlebens beschäftigt. Das klingt im ersten Moment etwas geschraubt, bezieht sich aber auf eine relativ einfache Thematik. Dazu ein Beispiel: „Das Alphabet der Zeit“ hat der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth seine wunderbare Autobiografie genannt. Er schreibt, dass es ihm nicht darum geht, die Geschehnisse seines Lebens so zu beschreiben, wie sie tatsächlich waren, sondern wie sie in seiner Erinnerung präsent sind. Da unsere Erinnerungen niemals ganz objektiv sind, haben sie mit dem, was wir Wahrheit nennen, nicht immer allzu viel zu tun. Hinzu kommt, dass die Dinge sich dadurch, dass wir sie beobachten, verändern oder verändert darstellen, was seit Heisenberg allgemein bekannt ist. Die Wahrnehmungen und die Geschehnisse unseres Lebens sind also niemals nur so, sondern immer auch anders möglich, sowohl in der Realität des Alltags wie auch ganz besonders in der Erinnerung. Das nennen wir Kontingenz.


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Das sind – stark verkürzt – die Inspiratoren für meine Art zu Malen. Ich pendele bewusst zwischen konkreten und abstrakten Darstellungen, die oft ineinander übergehen. Ein wesentliches und wichtiges Element wurde mir dabei die Übermalung, die gleichzeitig abdeckt, frei lässt und neue Elemente generiert. Das führt zu Schichten wie in der traditionellen Malerei, nur dass hier die Lagen nicht dazu dienen, in alter Manier mit Eitempera und Öl Tiefe des Raumes und Gegenstandes zu erzeugen, sondern der Vielschichtigkeit der Bildidee einen adäquaten Ausdruck zu geben, gewissermaßen auch zu entdecken, zu finden. Dabei fließen die Ebenen manchmal ineinander, manchmal bleiben sie getrennt. Aber immer korrespondieren sie, mildern sich ab, steigern sich, bleiben neutral, kontrastieren, öffnen, verschließen sich. Dadurch entstehen neue Strukturen, Formen, Ein-, Aus- und Durchblicke. Wesentlich ist: nie etwas vermeiden, was angeblich nach Lehrmeinung nicht geht. Einfach tun und prüfen, manchmal geht’s total daneben, manchmal entsteht etwas Wunderbares. „Alle Farben passen zueinander,“ hat einmal Gerhard Richter gesagt. Eigentlich heißt das nichts anderes, als sensibel vorgehen, aber alles wagen. Dabei sehe ich plötzlich etwas, das mich zu Neuem animiert, die Form und Farbe verändern lässt, und so geht der Prozess weiter, bis ich etwas entdecke, das es wert ist, das Bild zu beenden. Ich höre an einem Bild dann auf zu malen, wenn sich ein Gefühl der inneren Übereinstimmung einstellt. 


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Die Inhalte meiner Bilder ergeben sich aus sehr unterschiedlichen Anlässen: ein Traum, ein spontaner Einfall, ein Zeitungsartikel, eine Stimmung, ein visueller Eindruck, eine Freude oder ein Ärgernis, eigentlich alles kann zu einem Bild führen. Natürlich auch ein mehr oder weniger klar umrissener Auftrag. Das Wesentliche dabei ist, dass letztlich keine lineare Umsetzung erfolgt, sondern immer Sprünge, Brüche oder neue Verbindungen geschehen, die eine Art unvorhersehbarer Entwicklung darstellen. Allen Vorgehensweisen ist aber eines gemeinsam: ich will nicht die Wirklichkeit darstellen oder abbilden, sie nicht anbeten oder vernichten. Eigentlich sollen neue (Bild-) Welten entstehen. Meine Befriedigung ergibt sich aus dem kritischen Offenlegen oder Darstellen von Beziehungen, Hintergründen, dem eigentlich nicht Sichtbaren. Was ich aber oben über die Form gesagt habe, gilt auch für die Inhalte: das immer gleiche, das Festlegen auf bestimmte Themen, das Wiederholen und Variieren, ist auch hier nicht mein Ziel. Auch inhaltlich ist jedes Bild eine Art Neuanfang, ein Neustart. Wenn es mir gelingt, Kategorien und Schubladen zu vermeiden, stellt sich Zufriedenheit ein. 

© wog.art - W.O.Geberzahn  2017