Die letzten Tage der Menschheit sind vorbei

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Text zur Ausstellung Im CI in Wien, vorgetragen am 16.01.2013 zur Vernissage

Als ich diese Zeilen vor kurzem geschrieben habe, waren die Bilder, die ich hier zeige, längst gemalt. Ich habe mich auf einen Prozess eingelassen, von dem ich nicht wusste, wo er endet. Als Ursula das Thema aufbrachte, dachte ich, da machst du was draus - wie auch immer. Das Malen selbst läuft bei mir sehr schnell ab, nachdem ich eine zeitlang nachgedacht habe. Und während ich etwas tue, läuft die Zeit vorbei und bringt uns Dinge, die das, was wir tun, entweder bestätigen oder konterkarieren. Wie ich das erlebte, wie die Zeitläufte damit korrespondieren, will ich kurz darstellen.

Einladung DIE LETZTEN TAGE... 16


Im SPIEGEL Nr 45/2012 im November  erschien ein Artikel mit der knalligen Überschrift „Sex ist banal“. Beschrieben wurde hier eine kulturelle Entwicklung - natürlich mal wieder ausgehend von den USA - die ein „neues“ Verhalten der menschlichen Sexualität gegenüber beschreibt. Tenor: Es ist beispielsweise viel angenehmer, gelegentlich unverbindlich Sex mit wildfremden Kommilitonen zu haben als aufwändige Beziehungen zu führen, die oft darin enden, dass Frauen ihr berufliches Ziel wegen des Beziehungsaufwandes gar nicht erreichen. Ein Buch von Hanna Rosin erzählt von „The End of Men“, weil die in vielen Berufen immer weniger gebraucht werden und in der neuen Kommunikationswelt immer schlechter zurecht kommen. Eine andere Autorin berichtet von ihrer „Vagina-Brain-Connection“, weil die Heiligkeit und Macht des weiblichen Geschlechtsteils die Frauen vor Kontrolle und Unterdrückung schützt.



Das sind extreme Positionen. Positionen, die darauf hinweisen, wo wir enden können, wie die letzten Tage der Menschheit zu verstehen sein könnten. Die infernalischen Kriege und Schlachtorgien an Menschen sind zwar auch nicht vorbei, die grandioseste Zerstörung - neben der Klimakatastrophe - jedoch kommt aus unserer zunehmenden Erkaltung. Man könnte von emotionaler Lava sprechen, einer Funktionalisierung der Gefühle. Die Automatisierung des Sexuallebens ist für mich ein Beispiel dafür.

Doch bleiben wir zunächst einmal bei Karl Kraus.  Anne Peiter schreibt dazu in ihrem Buch „Komik und Gewalt“ (Köln, Weimar 2007): „Man könnte behaupten, Die letzten Tage der Menschheit dürften nicht als abgeschlossenes Werk verstanden werden. Denn für Kraus nimmt der Krieg im Nachkrieg seinen Fortgang. ….  Auf das Drama Die letzten Tage der Menschheit lässt Kraus Mitte November 1919 die Glosse ,Die allerletzten Tage der Menschheit‘ folgen. Kraus zitiert einen Bericht über die Verletzten eines Eisenbahnunglücks, die in ihrer hilflosen Lage ausgeraubt und von hinzu drängenden Plünderern getreten worden waren. ,Und jene erblassen nicht, die Blutbadhuren, die animiert hatten, es werde ein Stahlbad sein und ein Seelenaufschwung kommen wie noch nie‘. .... Kraus persifliert die Stimmen der Zeitungsleser, denen zu allen Zeiten Vulkane als ,Tanzböden‘ gelten: ,Haben sie gelesen köstlich vom Eisenbahnunglück bei Celakowitz? Bitt sie, im Krieg sind mehr zugrundgegangen, hat sich kein Mensch aufgeregt.‘“

Und Adolf Loos, der berühmte Architekt und Kritiker, schrieb über Karl Kraus: „Er steht an der schwelle einer neuen zeit und weist der menschheit,  die sich von gott und der natur weit, weit entfernt hat, den weg. Den kopf in den sternen, die füße auf der erde, schreitet er, das herz in qual über der menschheit jammer. Er fürchtet den weltuntergang.  Aber, da er nicht schweigt, weiß ich, daß er die hoffnung nicht aufgegeben hat. Und er wird weiter rufen und seine stimme wird durch die kommenden jahrhunderte dringen, bis sie gehört wird. Und die menschheit wird einmal Karl Kraus ihr leben zu danken haben.“ 

Das sind große Worte - aber können wir heute, 100 Jahre später, nachvollziehen, dass wir Kraus unser Leben zu verdanken haben? Kaum, denn wie allen großen Denkern, Charismatikern, Philosophen und Religionsstiftern bleibt sein direkter Einfluss auf das tatsächliche Verhalten eher gering, bruchstückhaft - aber trotzdem aufrüttelnd und mahnend und oft viele Menschen hinter sich scharend. 

Wenn wir Nietzsche lesen finden wir Vorausschauendes lange vorher.  So könnte man sagen: Wenn die letzten Tage der Menschheit vorbei sind, beginnt etwas Neues. Nietzsche wollte uns im Zarathustra den letzten Menschen zeigen. Und das klingt heute sehr zeitgemäß: „,Wir haben das Glück erfunden‘ - sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Krank-werden und Mißtrauen-haben gilt ihnen als sündhaft: man geht achtsam einher.  ... Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.“ Hier wirkt Nietzsche in realen Bereich sehr vorausschauend, auch wenn das Schlachten in vielen Teilen der Welt weiter geht. Der Philosoph und Hirnforscher Detlev Linke misst dem Blinzeln des letzten Menschen bei Nietzsche hohe Bedeutung zu indem er sagt: „Auch wenn sich die Welt nicht ändert, so liefert der Lidschlag dennoch einen ständig neuen Zugang zu ihr“ und Linke meint weiter, dass daraus ein System der Nichtwahrnehmung gedeutet werden muss, denn die Nichtwahrnehmung ist die Voraussetzung für Wahrnehmung, weil die Hirnrinde die Wahrnehmungsaufgabe im Corpus geniculatum laterale des Thalamus reguliert, um von den Licht- und Sinnesreizen nicht überflutet zu werden. 

Wenn wir auf das Thema Zeit zurückkommen, lesen wir bei Zygmunt Baumann, dem großen polnisch-britischen Soziologen, der sich dabei auf Richard Sennett und dessen Definition der Stadt beruft: „Das Zusammentreffen von Fremden (in der Stadt, Anm. d. Autors) ist ein Ereignis ohne Vergangenheit. In den meisten Fällen ist es auch ein Ereignis ohne Zukunft...“ Und weiter schreibt Bauman: „Mit der Moderne beginnt die Geschichte der Zeit. Neben allem anderen ist die Moderne vor allen Dingen auch die Geschichte der Zeit: Moderne ist das Zeitalter, in dem die Zeit eine Geschichte hat.“ Des weiteren beschreibt Bauman die Moderne als eine flüchtige, in der die als Zukunft bezeichnete Zeit immer kürzer wird, Kontinuität und an Wert verliert und die wachsende Flexibilität Unsicherheit erzeugt. Das hat letztlich dazu geführt, „dass Partnerschaften und soziale Bindungen als Dinge behandelt und wahrgenommen werden, die man konsumieren kann, nicht wie etwas, das erst hergestellt werden muss“. Was durch die eingangs erwähnte Art von neuer Sexualität in den USA unterstrichen wird.

Diese Verkürzung der Zeit, die Flüchtigkeit der Wahrnehmung und die erhöhte Flexibilität verstärken in einer Gegenbewegung die Suche nach Sicherheit. Weil es vorkommen könnte, dass ein Fluggast ein Terrorist sein könnte, wird heute zunächst jeder Fluggast unter Terrorismusverdacht gestellt, durchsucht, registriert, gespeichert um dann, nach diesem aufwändigen Prozess wieder freigelassen zu werden. Weil man Geldwäsche verhindern will, wird in immer mehr Staaten das Bargeld reduziert, ab Juli 2013 in Italien auf Euro 50 pro Transaktion. Die Freiheit des Individuums wird so für die scheinbare Sicherheit aller geopfert. Damit geraten wir in eine Welt der Regulierung, die den Einzelnen entmündigt. Diese Entmündigung verdeutlicht, dass die letzte Tage der Menschheit vorbei sind, zumindest im Sinne eines aufgeklärten Denkens. Denn was Religion, Aberglaube und Fremdbestimmung für den Menschen VOR der Renaissance waren ist die dumpfe Abhängigkeit von sicherheitsorientierten Politsystemen heute. Wir geben unsere Freiheit auf, um Teil eines immer undurchschaubareren Apparates zu werden, der sich noch immer aus der Annahme demokratisch gewählt zu sein, legitimiert. Wir werden zu ferngesteuerten Arbeitssklaven, von denen ein Teil in die Unterwelt abwandern wird oder die in naher oder ferner Zukunft eine blutige Revolution anzetteln werden.

Was hat das nun mit meiner Arbeit und meinen Bildern zu tun? Ich will hier keineswegs meine Bilder interpretieren, wenn ich auch gerne hinterher mit jedem Anwesenden über sie rede. Es gibt aber einen Kernsatz, den sie auch auf meiner Website finden, der meine Arbeit grundsätzlich charakterisiert: „Alles ist immer anders - die Welt ist kontingent.“

Da, wo alles immer anders sein kann, gibt es keine Eindeutigkeit. Die Eindeutigkeit der Moderne - Zygmunt Bauman hat sie als Ordnungsmuster beschrieben - ist Schnee von gestern. Dazu schreibt der Quantenphysiker und Heisenberg-Mitarbeiter Hans-Peter Dürr: „Die neue Erkenntnis lautet nun: Die Form (oder allgemeiner: eine Art Gestalt) ist es, die sich im Laufe der Zeit nicht verändert. Materie gibt es im Grunde gar nicht. Diese bildet sich erst als „Als-ob“-Erscheinung bei größeren Anhäufungen der atomaren Gestaltwesen auf einem räumlich höheren Niveau durch Ausmittelung heraus. Das ist der revolutionäre Anfang der modernen Physik.“  Und weiter sagt Dürr: „In der Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, ein Dazwischen, das Unentschiedene. Daran müssen wir uns gewöhnen. Solange wir uns etwas vorstellen können, liegen wir falsch. Wenn mir etwas schwammig vorkommt, komme ich der Wirklichkeit am nächsten. Denn Aussagen über sie sind vieldeutig.“ Und die Leiterin der letztjährigen Dokumenta Carolyn Christov-Bakargiev sagt: „Für mich ist Verwirrung nichts Negatives, sondern ein ausgesprochen kreativer Bereich. Klarheit ist für mich etwas Gefährliches.“

Ich stelle also fest: Die individuelle Freiheit ist zur Illusion geworden, das Ungefähre, das Vieldeutige, gewinnt an Bedeutung, alles kann immer anders sein und daraus folgt, die letzten Tage der Menschheit sind vorbei. Jedenfalls einer Menschheit, wie sie die meisten von uns einmal als Ideal in der Moderne definiert haben. Daraus folgt: die Menschheit wird in einen anderen geistigen Aggregatzustand übergehen. Das Jahr 2013 wird einen Übergang markieren. 

Sich zu diesem Ungefähren zu bekennen erscheint mir wichtiger als alles immer von vorne herein zu wissen, zu planen, fest zu legen. In meinem ersten Berufsleben habe ich große Bürohäuser und kleine Wohnhäuser geplant und gebaut. Das hat mich nicht befriedigt, weil ich in einen grandiosen Abhängigkeitsprozess mit geringer persönlicher Einflussnahme geriet. Deshalb habe ich die Position gewechselt, um von außen Einfluss nehmen zu können. Heute, in meinem dritten Berufsleben, taste ich mich in eine Bildwelt vor, die sich sehr neu anfühlt. Das Herstellen von Bildern ist für mich kein linearer Prozess, sondern ein eher anstrengendes, quälendes Ausmitteln der Möglichkeiten, ein Herumtasten in einem unendlichen Raum, der so unterschiedlich hell und dunkel ist, dass man sich leicht verläuft. So ist das Ungefähre eine Hoffnung, denn das Genaue, Präzise, das Konkrete erzeugt jederzeit tausendfach Widerspruch. Ohne die Fähigkeit zu einer solchen Abstraktion ist unser Leben unvorstellbar.

Das Ungefähre ist ein Etwas, das ich als Piefke an Wien so schätze. Ich habe - über mein Leben gerechnet - sicher an die 30 oder mehr Besuche in Wien hinter mir, hatte hier beruflich zu tun, aber ich fühle mich bei jeder Ankunft in einem Prozess der erneuten Annäherung. Das ist keine Verklärung einer ambivalenten Wien-Wahrnehmung, sondern ein seltsames Gefühl der Unendlichkeit. Ich weiß nie, was kommt, die Zukunft ist hier offener als anderswo....


Gegenwart ist Zeit


09.01.2013, © wog.art - W.O.Geberzahn  2013

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