Alles ist immer anders

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Alles ist immer anders

Rede von W.O.Geberzahn zur Vernissage am 09.02.2012 im Klinikum Christophsbad, Göppingen


Office movements - Arbeitskopie 2

„Alles ist immer anders“ - so habe ich diese Ausstellung benannt. Die Bilder, die sie hier sehen, sind kein abgeschlossener Zyklus, sondern ausgesuchte Arbeiten aus den letzten Jahren. 

„Alles ist immer anders“ - das ist eine Erfahrung, die wohl jeder schon mal, mehr oder weniger, in seinem Leben gemacht hat. Amundsen brach offiziell zum Nordpol auf, war aber dann der erste am Südpol. Kinder wollen Lokführer werden und enden als Steuersachbearbeiter. Ich stelle mir vor, ein abstraktes Bild in Gelbtönen zu malen und es wird etwas Gegenständliches in dunklen Blautönen.

„Alles ist immer anders“ - das ist persönlich und letztlich auch politisch. Unser Gehirn, einst geschult vom Mammutjagen und Fluchtreflexen, wird heute von derart schnellen Flash-Speichern eingefangen, dass statt einer exakten Wahrnehmung meist nur Schatten auf dem Ich bleiben.

„Alles ist immer anders“ - weil wir uns gewöhnt haben. An Spätzle zum Beispiel oder an Daimlers. Vor allem an uns selbst. An unsere Wahr-Nehmung, die immer nur das sieht, was sie sehen will, was sie gelernt hat zu sehen. Das andere grenzen wir gerne aus, weil es so mühsam ist. 

„Alles ist immer anders“ - weil wir uns festlegen, weil wir uns nicht festlegen. Kaum hat man sich festgelegt, denkt man darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn man eine der anderen vielleicht 3568 Optionen gewählt hätte. Natürlich besser. Oder schlechter. Hätten wir uns nicht festgelegt, hätten wir unser Leben weiter im Konjunktiv führen können. Unverbindlich.

„Alles ist immer anders“ - wer immerzu Katzen und Hunde malt, kann sicher sein, dass seine Bilder gerne genommen werden. Die beliebtesten Bilder der Kunstgeschichte sind Landschaften - möglichst ideale! Ähnliches ist mir nicht bekannt von Künstlern, die sich mit Nacktmullen beschäftigen. Hässliche Tiere. Nun ja, Hirsche und Elefanten sind in gewissem Maße noch konsensfähig. 

Aber ich habe mich auch dagegen entschieden.


„Alles ist immer anders“, weil es gar nicht anders geht. Anderssein ist Unterschied. Also sind Unterschiede Informationen, wenn man Batesons Satz, dass „Informationen Unterschiede sind, die den Unterschied machen“, umkehrt. 

Ich hoffe, ich habe sie jetzt genug verwirrt.

Eigentlich sollte ich ja noch etwas anderes sagen. Meiner persönlichen Erfahrung nach kommt es eher selten vor, dass sich Künstler intensiver zu ihrer Arbeit äußern. Sie haben überhaupt keine Lust dazu und meistens fällt ihnen ja auch nichts dazu ein. Mir geht das nicht viel anders, aber nicht durchgängig. Manchmal könnte ich jeden Blödsinn runterplappern, manchmal schweige ich wie ein Hünen-Grab. Heute versuche einen Mittelweg.


Eines weiß ich aber sicher: Bilder haben mich schon immer fasziniert, mehr als alles andere. Malen und Zeichnen waren die willkommensten Ablenkungen in einer stinkenden Grundschule der 1950er Jahre, und der Dürer-Hase, den ich an einem kotzlangweiligen Ostersonntag 1961 aus der Zeitung abzeichnete, war eine Art Initialzündung. Die erzwungene Arbeit mit einem Kunstprofessor während meines Architekturstudiums erzeugte in mir einen Bruch, der erst sehr viel später verheilte. Es gibt kaum Schlimmeres im Leben als falsche und schlechte Lehrer.


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Wenn jemand malt, der im Grundberuf Architekt ist, erhofft man sich ganz klare Formen und Farben. Das kriegen Sie von mir nur gelegentlich. Und ich sage Ihnen, weshalb:

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Zeit, in der plötzlich alles anders wurde. Wir hatten damals herrliche Feindbilder, gegen die wir opponieren konnten. Wir hatten Reibungsflächen, die das Feuer für das Anderssein entfachten. Wir verschlangen Unmengen an Informationen und wollten verändern. Noch meine Studienjahre waren jedoch stark geprägt durch das geistige Erbe des Bauhauses, damals schon über fünfzig Jahre Geschichte. In der Nachkriegszeit kam aus Ulm die Gute Form, die Architektur war geprägt von der Geradlinigkeit eines Egon Eiermann - ich habe ihn noch persönlich kennen gelernt - und lediglich in der freien Kunst waren unterschiedliche Strömungen möglich, war alles anders, alles möglich. Die Moderne war quasi Funktionalität und brachte somit - wir waren aber auch dankbar dafür - eine ideologiefreie Ordnung in die Nachkriegswelt. Die Reduktion auf Grundformen und Grundfarben wirkte irgendwie befreiend, das „Less is more“ von Mies van der Rohe war hilfreich. 

Viel später, in den 1990er Jahren, sprach der britische Soziologe Zygmunt Bauman davon, dass die Moderne ein wesentliches Mittel zur Erzeugung von Ordnung sei und meinte: „Geometrie ist der Archetyp des modernen Geistes. Das Raster ist ihr beherrschender Ausdruck.......Geometrie zeigt, wie die Welt wäre, wäre sie geometrisch.......“

Ja, die Ordnung ist toll und oft hilfreich, manchmal erdrückend und sehr einengend. In diesem Kosmos der Moderne von Architektur und Design aufgewachsen und ausgebildet war das auch meine Welt, meine Bildwelt, meine Gestaltungswelt, meine Wahrnehmung. Für mich ist aber das, was als Moderne bezeichnet wurde, heute nur noch eine mögliche Weltsicht. 


Rasender Stillstand (Maria Riesch)

Kennzeichnend dafür ist aus meiner Sicht ein Begriff aus dem Grafikdesign am Computer: die Layer, die Ebenen. Alles ist immer anders, weil es von etwas anderem überlagert ist, den Blick dadurch wieder trübt, verändert, ablenkt, umlenkt, strapaziert. Ich habe dieses Thema sehr weit getrieben in meinem Bild „Rasender Stillstand. Maria Riesch.“ Als das Bild fertig war, hat mich meine Frau geschimpft: „Das war so eine schöne Skiläuferin, jetzt erkennt man gar nix mehr!“ So ist das, ich kann‘s nicht ändern!

In dieser Zeit der Überlagerungen, der Ebenen und der Virtualität sind es auch nicht mehr die Ideen alleine, wie in der Kunst der 1990er Jahre, sondern das Körperliche, das Dingliche kommt wieder zu Ehren, und so auch die schon so oft totgesagte Malerei. Dabei kommt es nicht darauf an, welches Material benutzt wird, wichtig alleine ist das Zusammenwirken von Inhalt und Form. 

Ein wesentliches und wichtiges Element wurde mir dabei die Übermalung, die gleichzeitig abdeckt, frei lässt und neue Elemente generiert. Das führt zu Schichten wie in der traditionellen Malerei, nur dass hier die Lagen nicht in alter Manier eingesetzt werden, sondern dazu dienen, der Vielschichtigkeit der Bildidee einen adäquaten Ausdruck zu geben, gewissermaßen auch zu entdecken, zu finden. Dabei fließen die Ebenen manchmal ineinander, manchmal bleiben sie getrennt. Aber immer korrespondieren sie, mildern sich ab, steigern sich, bleiben neutral, kontrastieren, öffnen, verschließen sich. Dadurch entstehen neue Strukturen, Formen, Ein-, Aus- und Durchblicke. 


Bei den Bildinhalten kommt es mir weniger darauf an, „was es darstellt“, sondern was das Bild bewirkt, was wir assoziieren, was wir glauben, was es meinen könnte. Eindeutigkeit strebe ich ausdrücklich NICHT an weil sie aus meiner Sicht nicht existiert. Alles kann immer wieder auch anders sein. Die Eindeutigkeit der Moderne - wie schon gesagt - ist Schnee von gestern. Und noch etwas ist mir auch für die Inhalte wichtig: Das Festlegen auf bestimmte Themen, das Wiederholen und Variieren, ist auch hier nicht mein Ziel. Und - das ist mir wichtig: meine Bilder sind immer irgendwie politisch, gesellschaftskritisch, ironisch - und zwar in dem Sinne, dass ich mich mit der Befindlichkeit der Menschen von heute auseinandersetze.

Und so ist meine Arbeit letztlich eine permanente Abfolge von rationalem und intuitivem Erleben und Handeln, wobei es mir hauptsächlich um die Thematisierung von Beziehungen und Abläufen geht. Noch vor einigen Jahren hätte ich mir kaum vorstellen können, dass es gerade die moderne Physik sein würde, die uns heute den Blick auf die sichtbaren und unsichtbaren Beziehungsstrukturen unseres Lebens erleichtern würden. 

So schreibt der Quantenphysiker und Heisenberg-Mitarbeiter Hans-Peter Dürr: „Die neue Erkenntnis lautet nun: Die Form (oder allgemeiner: eine Art Gestalt) ist es, die sich im Laufe der Zeit nicht verändert. Materie gibt es im Grunde gar nicht. Diese bildet sich erst als „Als-ob“-Erscheinung bei größeren Anhäufungen der atomaren Gestaltwesen auf einem räumlich höheren Niveau durch Ausmittelung heraus. Das ist der revolutionäre Anfang der modernen Physik.“ 

Und weiter sagt Dürr: „In der Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, ein Dazwischen, das Unentschiedene. Daran müssen wir uns gewöhnen. Solange wir uns etwas vorstellen können, liegen wir falsch. Wenn mir etwas schwammig vorkommt, komme ich der Wirklichkeit am nächsten. Denn Aussagen über sie sind vieldeutig.“ 

Und die Leiterin der diesjährigen Dokumenta Carolyn Christov-Bakargiev sagt: „Für mich ist Verwirrung nichts Negatives, sondern ein ausgesprochen kreativer Bereich. Klarheit ist für mich etwas Gefährliches.“


Sich zu diesem Ungefähren zu bekennen erscheint mir wichtiger als alles immer von vorne herein zu wissen, zu planen, fest zu legen. Das Herstellen von Bildern ist kein linearer Prozess, sondern ein eher anstrengendes Ausmitteln der Möglichkeiten, ein Herumtasten in einem unendlichen Raum, der so unterschiedlich hell und dunkel ist, dass man sich leicht verläuft. 

Allerdings ist die Gefahr des Verlaufens hier im Christophsbad eher gering. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Betrachten Bilder. Und immer daran denken: Nicht alles muss man auf Anhieb verstehen - aber sie können sich die Details der Bilder abschauen - das hilft in der Regel. Manchmal macht‘s klick, manchmal bleibt man ratlos. 

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WOG 9.2.2012


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